Andacht/Predigt zum Pfadfindergottesdienst im „Opernhaus“
- Bezirkstreffen VCP OL
in Jaderberg vom 10.-12.
Aug. 2001 -
Drei Brüder
wohnen in einem Haus,
die sehen
wahrhaftig - verschieden aus,
doch willst
Du Sie unterscheiden,
gleicht jeder
- den anderen beiden.
Der Erste
ist nicht da, er kommt erst nach Haus.
Der Zweite
ist nicht da, er ging schon hinaus.
Nur der
dritte ist da, der Kleinste der drei,
denn ohne
ihn gäb´s nicht - die anderen zwei.
Und doch
gibt´s den dritten, um den es sich handelt,
nur weil
der erste - sich in den zweiten verwandelt.
Denn willst
du ihn anschau´n, so siehst du nur wieder
Immer einen
- der anderen Brüder !
Nun sage
mir: Sind die drei vielleicht einer?
Oder sind
es Nur zwei? Oder ist es gar - keiner?
Und kannst
du, mein Kind, ihre Namen mir nennen,
so wirst du
drei mächtige Herrscher erkennen.
Sie
regieren gemeinsam ein großes Reich
- und sie sind es auch selbst ! Darin sind
sie gleich.
Michael
Ende gibt uns in seinem bekannten Buch "Momo" dieses Rätsel auf.
Haben Sie
die drei Brüder erkannt?
Diese drei
Brüder - sind Vergangenheit - Gegenwart
- und Zukunft.
Einer von
ihnen verwandelt sich immer ganz schnell, der andere allmählich - der dritte
nicht mehr.
Sie alle sind
mächtige Herrscher in einem großen Reich - der Zeit,
und die
wohnen im Haus der Welt.
Meister
Hora sagt: Meine Pflicht ist es, jedem Menschen die Zeit zuzuteilen, die ihm
bestimmt ist. Was die Menschen aber mit ihrer Zeit machen, das müssen sie selbst
entscheiden.
Zeit ist
etwas faszinierendes und interessantes, wenn man einmal schaut, was alles im
Laufe der Zeit passiert ist - und was vielleicht noch passieren wird.
Voller
Spannung und Erwartung eifern vielleicht gerade Jüngere der Zeit entgegen: Wann
bin ich endlich erwachsen, wann kann ich endlich selber Autofahren - oder
länger zur Disco ausgehen.
Für andere
ist Zeit vielleicht auch was erschreckendes, wenn man zurückblickt und sieht,
wie schnell die Zeit verrinnt. Die letzten Weihnachtskekse sind kaum gegessen,
das scheint es schon, als würde bald wieder Weihnachten vor der Tür stehen.
Gerade an Festen, die alljährlich stattfinden, z.B. Geburtstage, erkennt man,
wie schnell die Zeit verrinnt und man fragt sich vielleicht:
Was habe
ich im letzen Jahr erreicht? Habe ich alles erledigt was ich mir als gute
Vorsätze mitgenommen habe? Habe ich meine Zeit sinnvoll genutzt?
Allzu oft,
wenn wir in den Nachrichten von Unfällen, Kriegen und Naturkatastrophen hören -
beschleicht uns das Gefühl, einem jeden ist nur eine kurze Zeit vorbehalten -
und die sollte man Nutzen. Cape diem - Nutze den Tag, sagten die Römer einst,
"Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen". Aber
wenn wir jeden Tag im Stress von Schule, Uni oder Arbeit von einem Tag in den
nächsten hasten - ist es meist die Auszeit, die einem fehlt. Eine Auszeit zum
Nachdenken - und Auftanken - eine Auszeit um einmal einen Schritt zurück
zu machen und das ganze Bild zu betrachten.
Eine solche
Auszeit hat sich vielleicht der ein oder andere in seinem Urlaub oder in seinen
Ferien genommen. Aber was ist schon ein einziges Menschenleben im großen Band
der Zeit - wenn man einmal betrachtet, wie lange es her sein musste, das
riesige Echsen, die wir nur aus "Jurassic Parc" kennen, über unsere
Kontinente stampften - wie kurz die Zeit der menschlichen Zivilisation im
Gegensatz der Dinosaurier bisher erst war - und wie lange man wohl noch unseren
Müll wieder ausgraben kann, denn wir heute in Mülldeponien oder sog.
Zwischenlagern verschwinden lassen, so wir heute - die Überreste vergangener
Kulturen in Rom oder Ägypten ausbuddeln können.
Zeit -
wieso spielt sie heute eigentlich eine Rolle - es ist schließlich nicht
Sylvester - oder doch ?
In gewisser
maßen ist heute "Jahreswechsel", vielleicht nicht an diesem Tage -
aber in diesen Wochen ganz bestimmt. In der Geschichte der bündischen
Jugendbewegung, in der Geschichte der Pfadfinder ist immer wieder von
"Fahrtenjahren" die Rede. Damit ist gemeint, das die große
Sommerfahrt, manche nennen sie auch die Großfahrt, den Abschluss eines solchen
Fahrtenjahres darstellt und somit - von Großfahrt zu Großfahrt - jeweils ein
neues Fahrtenjahr zuende ging.
In diesen
Tagen ist es nun soweit - hinter uns liegen der Erlebnisse des Sommers und das
letzte Fahrtenjahr ist vorüber. Man wird sich noch lange, vielleicht über Jahre
hinweg, immer wieder - wenn man an einem Lagerfeuer sitzt - über vergangene
Abenteuer, gerade von Großfahrten, erzählen. Es sind Erlebnisse, die Gruppen
verbinden und zusammenschweißen - auf Großfahrten hat man Zeit, wirklich einmal
der Hektik des Alltags zu entfliehen - und bei jedem kann man das wahre Gesicht
zu erkennen, was einem sonst auf Gruppenstunden vielleicht hinter einer Maske
verborgen blieb. Man erlebt es immer wieder, das von vielleicht witzigen
Dingen, die auf solchen Lagern und Hajks passiert sind, erzählt wird - so wie
wir auch an diesem Wochenende über vergangenen Fahrtenjahre plauderten und uns
austauschten, was - wer - wo erlebt und gesehen hat. Auf den Stammesgroßfahrten,
auf dem Landeslager - oder auf den Sippenwanderungen...
Und mit dem
Ende des Fahrtenjahres bleiben einem nicht nur - hoffentlich schöne
-Erinnerungen zurück, sondern auch die Vorfreude auf das nächste Fahrtenjahr,
auf den nächsten Sommer - und auf das nächste Abenteuer, was auf einen dort
wartet. Im nächsten Jahr für einige ganz speziell das Bundeslager des VCP,
einem riesengroßen Zeltlager, wo sich rund 6000 Pfadfinder aus dem gesamten
Bundesgebiet zusammenfinden werden.
Aber zum
Fahrtenjahr gehören nicht nur die Großfahrten, sondern auch all die kleinen
Aktionen und Wochenendfreizeiten, die über das Jahr verstreut stattfinden. Wie
Meister Hora sagte: Was die Menschen aber mit ihrer Zeit machen, das müssen sie
selbst entscheiden.
Ein Bauer
ging aufs Feld, um zu säen. Als er die Körner ausstreute, fiel ein Teil von
ihnen auf den Weg. Da kamen die Vögel und pickten sie auf.
Andere
Körner fielen auf felsigen Grund, der nur mit einer dünnen Erdschicht bedeckt
war. Sie gingen rasch auf, weil sie sich nicht in die Erde verwurzeln konnten;
aber als die Sonne hochstieg, vertrockneten die jungen Pflanzen, und weil sie
keine Wurzeln hatten, verdorrten sie.
Wieder
andere Körner fielen in Dornengestrüpp, das bald die Pflanzen überwucherte und
erstickte, so dass sie keine Frucht brachten.
Andere
Körner schließlich fielen auf guten Boden; sie gingen auf, wuchsen und brachten
Frucht. Manche brachten dreißig Körner, andere sechzig, wieder andere hundert.
Das ist ein
Gleichnis aus dem 13. Kapitel des Evangelium nach Matthäus.
Wie Hora
aus Michael Endes "Momo" sagte - Was die Menschen aber mit ihrer Zeit
machen, das müssen sie selbst entscheiden.
Und so ist
auch hier jeder einzelne gefragt, was man das Jahr über macht und ob man die
Chance wahrnimmt, auch all die kleinen Abenteuer mit den Sippen zu erleben, auf
Fahrt zu ziehen oder nur einfach ´ne Kanutour über die Jade zu machen.
Wenn ich
zurückblicke und schaue, was im letzten Fahrtenjahr alles passiert ist, dann hat
der Zeitstrom viele Kurven und Wendungen zurückgelegt.
Zeit kann
ziemlich stürmisch sein, wenn alte traditionelle Vorstellungen mit der modernen
nackten Realität eines großen und vielschichtigen Stammes aufeinandertreffen.
Zeit kann aber auch friedfertig sein, wenn verschiedene Generationen von
Pfadfindern ihr gemeinsames Ehemaligentreffen vorbereiten und Parzivalisten (zumindest
Danny J ), Wandervögel und Pfadfinder anderer Gruppen und
Verbände zusammen im September das 25-jährige Jubiläum des Trupp Lohengrin
feiern.
Zeit kann
auch kurzlebig sein, wenn innerhalb nur eines Jahres viele Ereignisse
zusammentreffen, viele Veränderungen folgen und immer wieder neue Gesichter auf
der Bühne auftauchen - oder diese verlassen. Vor etwa einem Jahr besuchte der VCP
Jaderberg noch die Rasteder BdP´ler beim Ellernfest oder beim bundesweiten
Pfadfindertag. Zum Jahresende beschloss die "alte Liga" auf einem
Stammesrat statt zum Landeslager lieber eine eigene Großfahrt zu machen - doch
die Zeit hinterließ seine Spuren und so zogen schließlich ganz andere
Gruppenleiter zur Stammesfahrt, die mittlerweile eine neue Generation an
Pfadfindern darstellen. In den letzten Tagen habe ich kartonweise alte Fotos
von ehemaligen Rasteder Pfadfindergruppen für die Wanderausstellung des
Pfadfindermuseums sortiert und aufgeklebt. Vielleicht kennt es auch der ein
oder andere, wenn man in alten Familienalben blättert, oder sich das Jahrbuch
seines Schulabschlusses vornimmt - es gibt viele Erinnerungen und man ist
erstaunt, wie viel bereits zurück liegt, wie viele Generationen an
Pfadfindergruppen - oder Schulklassen - man erlebt hat - und es schleicht in
einem die Erkenntnis hoch, das dort wo man jetzt steht - das alles - wird in
kurzer Zeit - auch nur noch Erinnerung in einem Fotoalbum sein.
Zeit kann
aber auch sehr lang sein, vor allem wenn man alleine ist - oder schmerzhafte
Ereignisse verarbeiten muss. Man sagt: "Es braucht seine Zeit" - oder
"Zeit heilt Wunden". Zeit kann vergeben - Zeit kann auch Hoffnung - und Mut machen.
In diesem Jahr
feiern wir 90 Jahre Pfadfinderbewegung in Deutschland - in zehn Jahren steht
das 100. Jubiläum an. -
Zehn Jahre
- sie wirken wie eine halbe Ewigkeit. Aber wenn man zurückschaut, was in den
letzten Zehn Jahres passiert ist, erkennt man, wie viel Veränderungen die Zeit
mit sich brachte.
Man wurde
älter - man wurde erwachsen - man wurde erfahrener -
und das ist
das, was Hoffnung und Mut für die Zukunft machen sollte. Auch wenn man im
Stress steht, sollte man sich die Zeit nehmen - und nur für den Augenblick
leben, in dem man gerade verharrt.
Jeder
Stunde und Sekunde, die uns Meister Hora zugeteilt hat, birgt die Chance, etwas
sinnvolles zu machen
-
etwas zu bewegen
-
etwas Neues zu schaffen
-
vielleicht auch etwas großartiges -
-
etwas was die Zeit überdauern wird - so wie diese alte Bibel -
-
etwas - an das sich viele
Generationen Erinnern werden,
wenn sie
wieder einmal am Lagerfeuer sitzen - und
sich alte Geschichten erzählen...
[Bölzy]