Text zur Versprechensfeier beim Ehemaligen- & Jubiläumslager in Rastede

 

Wir waren häufig auf Fahrt, bauten unsere Kothen auf, saßen am Lagerfeuer und sangen bis tief in die Nacht unsere Lieder. Wir hatten alle unseren Spaß, wenn wir so durch die Felder zogen, extravagante Dinge ausprobierten oder auch mal faul am Wegesrand lungerten und auf unserem Hajk die Sonne auf die Füßen knallen ließen. Es wäre schöne Zeiten, es waren lustige und glückliche Zeiten. Doch es hatte sich etwas geändert. Nun, man merkte es nicht gleich, es kam nur gang langsam nach und nach auf. Und es hatte etwas geheimnisvolles und konspiratives auf sich. Zuerst nahm man dass ganze nicht ernst, man dachte, laß sie doch ihren Krams machen, wir machen unseren. Und einiges machten sie auch schließlich wie wir. Sie zogen auf Zeltlager, unternahmen Wanderungen und saßen des nachts auch an ihrem Lagerfeuer und sangen ihre Lieder – auch wenn wir sie nicht alle kannten. Sie waren einheitlich angezogen, wer gegen ihre Ordnung verstieß, bekam Ärger. Die Knöpfe bis oben geschlossen – streng nach Vorschrift – und die Gürtelschnallen glänzten poliert in der Sonne. Fast dreisst widmeten sie sich auch ihre Wimpel, alle sollten streng nach Muster einheitlich aussehen  an, und sie trugen auch Halstücher, wie sie einst B.P. vor vielen Jahren als Erkennungszeichen der weltweit größten Jugendbewegung, den Pfadfindern, einführte. Doch auf andere alte Traditionen legte man keinen Wert mehr. Und überall tauchte ihr Zeichen auf – ein rundes Logo. Sie trugen es auf ihren Ärmeln, auf ihren Fahnen und Wimpel – die überall aufhingen, wo sie sich in grossen Scharen versammelten.

Und sie wuchsen an. Ja, sie expandierten ja gerade zu. Sie nannte sich die Jugend, Erst keilten sie andere, schließlich schickten sie sich an, andere zu Übernehmen. Es gab natürlich viele, die sich dem ganzen anpassten, wenn sie neu hinzukamen, oder einfach in der Menge mitschwimmten. Und andere, die irgendwann nicht mehr nach ihrem Muster passten, die sich nicht ihren Vorschriften unterwerfen wollten, die nicht zu der großen einheitlichen Masse werden wollten, sie wurden dann plötzlich verfolgt. Es im kleinen Rahmen, dann immer größer. Sie wollten ihren Einfluss sichern und vergrößern. Alles hatte auf den jeweiligen Führer zu hören. Die Führung dürfte schließlich nicht mehr in Frage gestellt werden. Andere waren ihnen schließlich ein Dorn im Auge. Es durfte doch keine anderen Jugendgruppen neben ihnen geben. Schon gar nicht irgendwelche nicht so streng organisierte Gruppen , die sich auch noch freie Gruppen nannten. Schon gar nicht Pfadfinder, oder Wandervögel, oder wer sich sonst noch vor Jahren anschickte, sich die bündische Jugendbewegung nennen zu dürfen.

Und so gab es denn auch einige, die versuchten im geheimen weiterzumachen, sich parallel an geheimen Orten zu treffen, die versuchten, in der großen Masse einfach ihr Ding weiterzuleben. Und andere, die sich dagegen wehrten, eigenen Ideen verfolgten oder vielleicht sogar so dreisst waren ,sich kritisch dem System gegenüber zu äußern, die wurden ausgeschaltet. Sie waren verpönt, man versuchte sie zu diskriminieren, ihnen den Status einer Jugendgruppe abzuerkennen. Vielleicht verfolgte man sie auch auf ihren Zeltlagern, oder man tauchte Nachts auf, lud alles was die Gruppen besaßen, die Zelte und Töpfe, in ihre Wagen und brachten es fort – so dass sie nicht mehr auf Fahrt hätten ziehen können.

Und so ging es auch im großen Rahmen weiter. Hinter dem großen Sonnenschein der Einheitlichkeit merkte man mal hier und mal da, was sich dahinter verbarg. Die Repressalien kamen nun auch von staatlicher Seite. Man hatte gerade zu den Eindruck, sie würden Hand in Hand arbeiten – oder waren sie vielleicht schon so etwas wie der Staat. Ihre politische Einstellung, wie auch immer sie genau aussehen vermochte, dass war dem einzelnen vielleicht gar nicht so klar, musste natürlich dominieren. Selbstbestimmung gab es nicht mehr. Von Jugendlichen? – schon gar nicht. Ihr Filz wucherte sich durch die Gremienlandschaft und vereinte sich zu einem großen komplexen System. Und wenn man auf der einen Seite aneckte, so wusste auch gleich die andere Seite bescheid. Nach außen hin musste alles nach Sonnenschein aussehen. Fehler gab es nicht – und schon gar nicht dürften sie in ihrem perfekten System angesprochen werden. Und wer sich kritisch äußerte, oder sich gar gegen sie wandte, der war schnell von der politischen Bildfläche verschwunden. Und was geschah mit denen. Man wusste es nicht, keiner von ihnen wusste es wirklich was alles geschah. Es war geheim. Man gab irgendwelche Erklärungen ab. Und während man sich sonst schon anschickte, in alten germanischen Runen zu schreiben, tauchten nun in Massen gedruckte Seiten auf. Man nannte es auch schon bald die Propagandamaschinerie. Ob es der Wahrheit entsprach, dass interessierte ja keinen, über die Menge verteilt, war es die dominierende Meinung und war zur Wahrheit in sich künstlich gemacht worden. Natürlich, eine Verfassung gab es auch – doch was galt sie schon, wenn ein staatsbedienstete oder jemand in Namen der Partei dass Wort ergriff? Dagegen währen, wie sollte das gehen. Sich etwa auf einem Rechtstaat berufen, einen Anwalt nehmen – wozu?. Das System war doch schon längst in allen Ebenen etabliert. Und vor allem waren sie unantastbar geworden – die Jugend, der Staat oder ihre Führer, sie waren doch gar nicht mehr in einem ehrlichen juristischen Verfahren angreifbar. Man schob sich gegenseitig geheime Dinge zu, ja es gab sogar so etwas was wie ein Geheimdienst funktionierte und alles aufstöberte, was hier oder dort in einem kleinen Kreise gesprochen oder geschrieben wurde.

Und wenn die Propaganda nicht mehr ausreichte, es nicht mehr genug war, die lokalen Zeitungen auf einer parteieinheitlichen Linie einzuschwören, dann entledigte man sich den kritischen Geistern etwa. Einige verschwanden und mussten untertauchen, gegen anderen wurden willkürliche Vorwürfe – und ohne richterliche Prüfung oder ohne sonstiger gerechten Verfahren und Aussprachen teils öffentlich zum Schuldigen erklärt – damit auch ja kein anderer auf die Idee kommen würde, dem nachzueifern. Und sollte doch einmal jemand es wagen, zu fragen warum – dann wurde man schnell mit anderen Geschichten abgetischt – oder es wurde einfach zur Sache und Angelegenheit der höchsten Führung gemacht, im Sinne der Staatsicherheit gemacht. Auf keinen Fall dürfte man zulassen, das sich große Mengen kritisch äußerten, sich informieren durften oder vielleicht ihr System ins wanken brachten.

Nach und nach verschwand alles andere, man konnte sich selbst nicht mehr sicher fühlen, sich nicht mehr in geheimen Kreisen treffen, es gab viele die untertauchten um ihren Hals zu retten – aber wer kann es ihnen verübeln. Und wer würde vielleicht nicht auch selbst den besten Freund verraten, wenn man im Angesicht des Galgen steht. Es wurden Lieder darüber gedichtet, aber konnte man sich noch trauen, sie am Lagerfeuer zu singen?

Die Einheitliche Masse, von denen vielleicht selbst auch einige kritisch fragten, wohin das alles führen würde –aber sich nicht trauten zu fragen, wuchs und verbreiterte seinen Einfluss auf die verschiedensten Ebenen. Und schließlich verfolgte es unserer einst, und es vernichtete alles, was man vorher erlebt und geschaffen hatte. Es vernichtet alles, was man vorher in mühsamer Arbeit Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat und Jahr um Jahr aufgebaut hatte. Dabei erkannte selbst die große Führung erst zu spät, dass sie sich auf dieser Weise auch ihr eigenes Imperium und sich selbst zerstören würde. Es gab schließlich einige, dir kritisch Tagebuch führten, um es der Nachwelt festzuhalten, was in jenen Tagen geschah. Es brach einem das Herz. Die Zeit war umfühlt von Trauer und Enttäuschung, von Wut und Hass, von Schmerz und der Sehnsucht nach den alten schönen Zeiten, an denen man noch im Kreise der Sippe oder des Fähnlein am Feuer sitzen konnte und seine eigenen Lieder singen konnte.

Doch es blieben nur Ruinen zurück, und in vielen Gegenden würde man such erst nach sehr langer Zeit wieder etwas aufbauen können, wenn Gras darüber gewachsen ist, die Wunden verheilt sind oder die Ruinen aufgeräumt, der Dreck beseitigt und neues wieder entstanden ist.

Hätte man die Atomwaffe gehabt, dann wäre sie bestimmt eingesetzt worden, und man hätte noch mehr Spuren des Wahnsinns und der Vernichtung hinterlassen.

Und trotzdem gibt es noch heute Menschen, die an dieses System glauben, es für gut heißen oder die Gefahren und die Schuld verkennen, die sich dahinter verbirgt, Vielleicht aber wollen sie es auch gar nicht sehen, nur blind in ihrem Mengen schwimmen, wieder mit dem großen Logo, dass auf all ihren Dingen gestanzt ist, treue ihren Führern untergeben, und ja keine kritische Auseinandersetzung.

 

Wenn wir in vielen Jahren zurückblicken, dass erinnert man sich an viele Namen und Geschichten, die überliefert sind, von den Gebrüder Scholz, die mutig ihre Flugblätter verteilten, von Pfadfindern, die in den KZs starben, von der Verfolgung und Gleichschaltung der Jugendgruppen, oder an jene sagenumwogenen Namen und Gruppen wie die Edelweisspiraten, von denen wir noch heute am Lagerfeuer ihre Lieder singen.

Doch dieser Text stamm aus keiner Niederschrift der Gebruder Scholz, und sie wurde auch von keinem Hortenführer jener Tage geschrieben. Dieser Text stammt aus der Chronik einer Jugendgruppe und wurde mehr als 50 Jahre später verfasst.

Die jüngere Geschichte der Pfadfinder in Deutschland, vor allem seit den 60er und 70er, ist voll mit Abspaltungen, Zusammenschlüssen, Umgruppierungen. Allein in Deutschland gibt es mehr als 100 verschiede Bünde, Pfadfinderverbände, Kleinstbünde und Gruppierungen. Jedes mal, wenn man sich untereinander nicht mehr riechen kann, so scheint es, spalten sich die Gruppierungen und machen ihren eigenen Krams, anstatt in ihrem Bund oder ihrem Verband für Bewegung und Veränderungen zu sorgen. Auch die großen Bünde sind davor nicht verschon worden. Die Geschichte des Deutschen Pfadfinderbundes spiegelt dies wieder. Oder die Entwicklung vom BDP und BdP, einmal mit großen und einmal mit kleinen "D", solche Geschichte lassen sich hier und da in den Archiven der deutschen Jugendbewegung wiederfinden, z.B. Reinhard Schmoeckel´s "Strategie einer Unterwanderung, Vom Pfadfinderbund zur revolutionären Zelle - Die Umfunktionierung des Bund Deutscher Pfadfinder als Lehrbeispiel" welches im  Günther Olzog Verlag 1979 in München erschienen ist. Oder der VCP, er hat sich  erst vor relativ kurzer Zeit 1973 aus drei evangelischen Bünden BCP (Bund Christlicher Pfadfinderinnen), EMP (Evangl. Mädchen Pfadfinderbund) und CPD (Christliche Pfadfinderschaft Deutschland) zusammengeschlossen hatte. 

Viele der Wechsel haben ihre eigene kleine Geschichte, einige sensationelle, andere nur einfache Auseinandersetzungen oder unterschiedliche Vorstellungen über Fahrtenleben, Traditionen oder das Zusammenleben in den Gruppen.

Aber welche Ursachen auch immer dahinter stecken mögen, zum Schluss bleibt doch eines, was uns alle Verbindet... 

Das die Abenteuer und Erlebnisse, die wir auf Fahrt und Lager erfuhren, dass sind die Grundlagen und Grundzüge, die die Pfadfinder auch weltweit verbindet, das sind die Traditionen der bündischen Jugendbewegung, in dessen Tradition wir noch heute stehen, wie Wimpel oder die von Tusk eingefuhrte Kothe...

Die Jugendbewegung ist tot.  - Michael Jovy, 1952 

Nach dem Kriege erwachten viele der alten Bünde wieder zum Leben und einige neue entstanden. Aber es war eher ein Wiederaufwärmen als ein Wiederaufleben. [...] Die Nachkriegsjugendbewegung [...] brachte [...] nichts hervor: Sie hat lediglich die alten Traditionen übernommen und gepflegt, so wie ein Verein von Kriegsveteranen die Fahne und andere Reliquien pflegt.  - Walter Z. Laqueur, 1962

Als Forderung bliebe also übrig: Den letzten frei lebenden Bündischen Naturschutzparks zu stiften, denn natürlich sind sie kostbar wie die letzten zerzausten Silberreiher. - Werner Helwig, 1960

 Darstellungen über die Geschichte der Jugendbewegung schließen normalerweise mit dem Ersten Weltkrieg, mit dem Verbot der Bünde durch die Nationalsozialisten oder aber spätestens mit dem Ende des "Dritten Reiches". Das hat zweifellos seine Berechtigung, denn eine spürbare gesellschaftliche Resonanz (und eine solche ist wohl Voraussetzung für den üblichen Gebrauch des Begriffs "Bewegung") hatten jugendbewegte Ideen tatsächlich zuletzt in den illegalen Gruppen zur Zeit der NS-Diktatur, vielleicht noch in den ersten Nachkriegsjahren bis zur Gründung der BRD.

 Dennoch (oder vielmehr: deswegen) gibt es heute zahlreiche Gruppen und Bünde, die sich in der Tradition der Jugendbewegung sehen - jugendbewegte Ideen haben die eigentliche Bewegung überlebt. Unabhängig von jeder Bewertung der "Berechtigung" eines solchen Nachfolgeanspruchs gehören die "jungen Bünde" (dazu zählen auch BdP, DPSG, PSG, VCP...) also zur Wirkungsgeschichte der Jugendbewegung - und somit [...zum ] historischen Abriss [der Jugendbewegung....] Noch immer gibt es Gruppen und Bünde, die [...] die Traditionen fortführen wollen. Vor allem für sie wurde [auch das Buch "jugendbewegung für anfänger"] geschrieben und gezeichnet, so Brasparts & Calados, die Autoren von "jugendbewegung für anfänger"

 Die Zeiten ändern sich, im letzten Jahr hat sich in der Geschichte einiges getan, wenn man bedenkt, wo der Trupp noch vor einem Jahr stand...

 In uns bleiben die Erinnerungen zurück, sowohl die guten als auch die schlechten. In uns bleiben die vergangenen Fahrtenerlebnisse wach, und die Träume, und die Hoffnung für die Zukunft. Lohengrin wird immer bei uns bleiben, es ist ein Stück unserer Lebensgeschichte geworden - und wir sind ein Stück seiner Lebensgeschichte geworden. Es ist nicht nur die Sehnsucht, die uns am Glauben und am Mut zum Weitermachen hält, sondern auch die Hoffnung, dass diese Geschichte noch in Generationen von Lohengriner weitergetragen wird, dass die Geschichte nicht einfach so vergessen wird... 

Es ist unsere Aufgabe, Geschichte zu bewahren, damit zukünftige Generationen aus ihr lernen können...